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Freedom of Speech Award


Deutsche Welle ehrt türkischen Journalisten Sedat Ergin

 

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Der türkische Staatspräsident verklagt Sedat Ergin wegen seiner Berichterstattung. Die DW verleiht ihm einen Preis für seine Arbeit: Den Freedom of Speech Award. Ob er ihn persönlich entgegennehmen kann, ist noch offen.

Der Chefredakteur der auflagenstärksten unabhängigen türkischen Tageszeitung “Hürriyet” ist nach Ansicht von DW-Intendant Peter Limbourg ein würdiger Preisträger: “Sedat Ergin und seine Kollegen müssen jeden Tag für ihren unabhängigen Journalismus und die Pressefreiheit kämpfen und gehen dafür ein beachtliches Risiko ein.” Dafür gebühre ihm der von der Deutschen Welle ausgelobte Preis – stellvertretend für Hunderte von Journalisten in der Türkei, die unter ähnlich schwierigen Bedingungen arbeiten müssen.

“Pressefreiheit nur im Gericht”

In einer ersten Reaktion auf die Nachricht, dass er den diesjährigen Freedom of Speech Award der Deutschen Welle bekommen werde, äußerte sich Sedat Ergin dankbar: “Ich bin geehrt, diesen renommierten Preis zu erhalten, der sich für die Bewahrung der Pressefreiheit weltweit einsetzt.”

Dieser Einsatz ist seiner Ansicht nach angesichts zahlreicher Übergriffe gegen Journalisten in seinem Land auch dringend erforderlich. Als Ergin im März vor Gericht geladen wurde, zeichnete er ein düsteres Bild von der Situation, in der sich seine Zunft befindet: “Die Pressefreiheit in der Türkei ist 2016 auf die Gerichtsflure begrenzt.”

Umso wichtiger ist für DW-Intendant Limbourg die Unterstützung der Kollegen in der Türkei: “Die Deutsche Welle hat 1962 mit Radiosendungen in türkischer Sprache begonnen. Wir fühlen uns dem türkischen Volk in Freundschaft eng verbunden, aber wir können nicht zuschauen und schweigen, wenn Journalisten, Künstler und Wissenschaftler durch Behörden systematisch eingeschüchtert und drangsaliert werden.”

Im Visier von Erdogan

Ob Sedat Ergin den Freedom of Speech Award im Juni beim Global Media Forum in Bonn persönlich in Empfang nehmen kann, ist derzeit mehr als unsicher. Seit März steht der Journalist in Istanbul vor Gericht, weil er Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan beleidigt haben soll.

Konkret geht es darum, dass Ergin sich in einem “Hürriyet”-Artikel spöttisch über eine Rede Erdogans zu einem Angriff der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK auf türkische Soldaten geäußert haben soll. Einer von Erdogans Anwälten zeigte den Chefredakteur daraufhin an. Laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wird Ergin vorgeworfen, er habe ein Zitat des Staatschefs “böswillig verdreht, um die öffentliche Meinung zu manipulieren”.

Es ist nicht der erste Konflikt, in den Ergin und seine Zeitung verstrickt waren. Schon mehrfach forderten Erdogan-treue Anwälte die Festnahme des “Hürriyet”-Chefredakteurs. So zum Beispiel, als das Blatt in seiner Berichterstattung über das Todesurteil gegen den früheren, erstmals demokratisch gewählten ägyptischen Präsidenten Mohammad Mursi auf dessen Stimmenanteil von 52 Prozent bei den Wahlen hinwies. Darin sah Erdogan den Versuch, indirekt zu seinem Sturz aufzurufen – weil auch er bei der ersten Direktwahl eines türkischen Staatsoberhaupts im August vergangenen Jahres mit 52 Prozent der Stimmen gewonnen hatte.

Kontrollfunktion in Gefahr

Angesichts dieser und zahlreicher ähnlicher Vorfälle, bei denen Journalisten in ihrer Berichterstattung eingeschränkt oder sogar bedroht wurden, fürchten immer mehr führende Pressevertreter den Verlust der Kontrollfunktion der Medien in der Türkei. So beklagte im Mai 2015 der Präsident der Journalistengewerkschaft TGC, Ugur Güc, dass die Bevölkerung schon längst nicht mehr über demokratische unabhängige Informationsquellen verfüge: “21 Journalisten sind in Haft. Reporter vergeuden einen Großteil ihrer Energie damit, sich in Staatsanwaltschaften gegen Tausende drohende oder eingeleitete Ermittlungsverfahren zu äußern.”

Zudem gingen auch immer mehr Medienunternehmen dazu über, Selbstzensur zu betreiben – zur Absicherung ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten und zur Erhöhung ihrer Chancen auf lukrative Aufträge des Staates. Von unabhängigem Journalismus könne in einer solchen Atmosphäre nicht mehr die Rede sein, so Güc.

Für Menschenrechte und Meinungsfreiheit

Der Freedom of Speech Award der Deutschen Welle wird seit 2015 als Teil des Wettbewerbs “The Bobs – Best of Online Activism” vergeben. Ausgezeichnet werden Persönlichkeiten oder Initiativen, die sich in besonderer Weise für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen.

Erster Preisträger war im vergangenen Jahr der saudische Blogger Raif Badawi. Weil der Mitbegründer der Webseite “Die Saudischen Liberalen” seit 2012 im Gefängnis sitzt, hat seine Ehefrau Ensaf Haidar den Preis stellvertretend entgegengenommen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf DW.com

 


 

25. Februar 2015

Raif Badawi erhält Freedom of Speech Award 2015

 

raif_badawi_posting_600x240pxDer in Saudi-Arabien inhaftierte Blogger Raif Badawi erhält den „Deutsche Welle Freedom of Speech Award“, den der deutsche Auslandssender in diesem Jahr erstmals ausgelobt hat. Die DW vergibt den Preis im Rahmen der internationalen Online-Awards „The Bobs – Best of Online Activism“.

Intendant Peter Limbourg: „Das Direktorium der Deutschen Welle hat sich einstimmig für Raif Badawi ausgesprochen. Er steht in herausragender Weise für den mutigen, unerschrockenen Einsatz für das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung. Unsere Auszeichnung soll ein starkes Zeichen setzen und sein Schicksal noch stärker in das Licht der Weltöffentlichkeit rücken. Wir hoffen, dass somit der Druck auf die Verantwortlichen in Saudi-Arabien noch größer wird, Badawi endlich freizulassen.“

Der 31-jährige Blogger Raif Badawi wurde im Mai 2014 von der saudischen Justiz zu 1.000 Stockschlägen, zehn Jahren Gefängnis und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Am 9. Januar wurde er erstmals öffentlich ausgepeitscht.

Ensaf Haidar, seine in Kanada lebende Frau, sagte der Deutschen Welle: „Ich bin überglücklich. Der Deutsche Welle Freedom of Speech Award sendet eine deutliche Botschaft an das saudische Regime. Es ist eine Schande, dass Raif noch im Gefängnis sitzt. Insbesondere in diesen Zeiten, da Saudi-Arabien gegen die menschenrechtsverachtende Gruppe ‚Islamischer Staat‘ einen Krieg führt. Ich bin der Deutschen Welle zutiefst dankbar für ihre Unterstützung.“

Preisverleihung auf dem Global Media Forum

Die Deutsche Welle zeichnet im Rahmen von „The Bobs – Best of Online Activism“ zum elften Mal international herausragende Online-Aktivisten und Netz-Projekte aus. Für die Ausgabe 2015 hat der deutsche Auslandssender das Konzept von „The Bobs“ überarbeitet. Wichtigste Neuerung ist der Freedom of Speech Award, mit dem die Deutsche Welle eine Person oder Initiative ehrt, die sich in besonderer Weise in der digitalen Welt für Meinungsfreiheit einsetzt.

Der Gewinner des Freedom of Speech Award sowie die Preisträger in den drei Jury-Kategorien von „The Bobs“ werden am 23. Juni auf dem Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn geehrt.

Mutig für die Meinungsfreiheit

Raif Badawi kämpft seit Jahren für Meinungsfreiheit in seinem Land. Auf der Webseite „Freie Saudische Liberale“ greift er politische und gesellschaftliche Missstände in Saudi-Arabien auf. Er veröffentlichte beispielsweise sarkastische Artikel über die Religionspolizei, nannte eine große Universität des Landes einen Hort für Terroristen und schrieb über den Valentinstag – auch das ist in Saudi-Arabien verboten. Im Juni 2012 wurde er zum wiederholten Mal verhaftet. Der Vorwurf: Er habe auf seiner Website den Islam, Religionsführer und Politiker beleidigt. Seine Frau Ensaf Haidar floh 2013 mit den drei gemeinsamen Kindern aus Saudi-Arabien. Die Familie fand politisches Asyl in Kanada.